Abenteuerschule

Abenteuerschule 2008 – gemeinsam Wege entdecken

Prolog:

Noch ist es Dunkel. Nicht mehr stockdunkel. Nicht ganz. Durch das große Loch im schwarzen Zeltdach lässt sich leise das erste Schimmern des Morgens erahnen. Darunter tanzen munter die Flammen des wärmenden Lagerfeuers. Der würzige Geruch aus dem dampfenden Kessel vermischt sich mit dem Rauch des Feuers und steigt kräuselnd dem Morgen entgegen. Nur leises Knacken vom Feuer und Atmen bilden die Kulisse zur leisen, ruhigen Stimme die über die letzten Tage sinniert. Mit dem bleiernen Licht des erwachenden Tages kriecht der Nebel über die Wiesen. Steigt langsam und zäh über die Bäume während im großen Zelt das Feuer prasselt. Zum letzten mal brennt es, wärmt die klammen Knochen der verschworenen Gemeinschaft und spendet gerade genug Licht, um die einzelnen Gesichter erkennen zu lassen. Müde von zu wenig Schlaf spiegelt sich doch Ruhe darauf. Den Kopf voller Gedanken und das Herz voll Erinnerung schaue  auch ich im Feuer die letzten Tage, sehe die Veränderung, die Bewegung, das Leben.
Sehe durch die kleinen verschlafenen Gesichter die Besonderheit jedes Augenblicks, Die Müdigkeit und die Kraft die ein paar wenige Tage bewirken.

Erst den sechsten Tag bin ich wieder hier an diesem Ort der immer ein Stück Zuhause sein wird. Der gleichbedeutend mit Ruhe, mit Freude, mit Entbehrung und Einfacheit, mit Leben ist.
Sechs Tage her dass ich -  wie früher – in Gemeinschaft gearbeitet habe, geschwitzt unter der Last schwerer Zeltbahnen. Die Hände zerschunden von hartem Metall das geknüpft, geschraubt oder gehämmert sein wollte. Von Seilen die geknotet oder gespannt werden wollten. Von Holz, das gesägt, gespalten oder geschleppt sein wollte. Ränder unter den Augen die viel gesehen, viel gelacht und zu wenig geruht haben. Die Haare hängen strähnig im feuerwarmen, schmutzbedeckten Gesicht, ungekämmt. Nur um den Mund spielt ein Lächeln das noch lange anhalten wird .
Die ruhige Besonnenheit der Nacht weicht einer stillen Geschäftigkeit, als kleine Gestalten durch den feuchten Nebel huschen und im ersten Tageslicht beginnen, die Taschen zu packen, emsig und konzentriert nasse Zeltplanen zu richten und ein letzes Mal Wasser über dem lodernden Feuer zu kochen. Einen Moment lang beobachte ich das Treiben, um mich dann umzudrehen und unter der kalt durch den Nebel scheinenden Sonne über die große Wiese zu gehen. Feuchter Tau liegt auf meinen Schuhen, als ich in der kleinen Oase sitze. Dem hässlichsten Plätzchen hier im Umkreis. Trotz ihrer Hässlichkeit und ihres Gestankes ist die kleine Oase ein gernbesuchter Ort, denke ich mir. Schlurfende Schritte betreten die Oase, halten inne. Ärger wird geteilt, Sorgen abgeladen. Ist hier doch immer ein offenes Ohr das Anteil nimmt, ein lachender Mund der aufmuntert und eine gebende Hand die Kaffee oder Tabak reicht. Informationen und Gerüchte, Sorgen und Feude, Schokolade und Abends auch Bier, hier wird alles geteilt, in ständigem Geben und Nehmen, bis entschlossene, kräftige Schritte ihren Weg zurück zur Arbeit finden. Hier sitze ich nun wie so oft in letzter Zeit, drehe eine Zigarette mit Bedacht. Langsam. Rauche sie, geniesse sie. Kein Geschrei ist zu hören, kein Lachen, kein Rennen. Nur leise Betriebsamkeit. In jedem Geräusch, in jedem Schatten, im Licht, in der Luft liegt das Bewusstsein, dass etwas Besonderes endet. Keine große, weltbewegende, pathetische Besonderheit sondern eine kleine, eine tiefe, persönliche. Hier hat einige Tage lang gemeinsames Leben funktioniert. Zufrieden drücke ich meine Zigarette aus, gehe unter der Sonne – die wieder ein Stückchen höher steht, ein bisschen wärmer ist als vorhin noch – zurück.

Der Weg:

Freitag Abend 18:00 : Feierabend im Laden in Frankfurt. Mit gepacktem Rucksack geht es zur nächsten Mitfahrgelegenheit Richtung Goslar. Freundlich, entspannt und staugeplagt verpasse ich munter meine letzten möglichen Züge nach Walkenried und Bad Harzbzurg. Trampen, so stelle ich auch schnell fest, funktioniert in Goslar nicht. Aber das macht nichts, ist doch schon ein Auto der Erlebnistage unterwegs nach Goslar, um den ebenfalls sehr spät ankommenden Tony aus dem Bayrischen Wald zu holen und da ist noch ein Plätzchen frei. Nachts in Hohegeiss ankommend, unterhalte ich mich dann noch ein wenig mit der ehemaligen Arbeitskollegin und guten Freundin über damals, inzwischen und demnächst.
Ein wenig müde fahre ich nächsten Tags auf den alten Spielplatz um ein bisschen zu toben und viel Freude zu haben.  Dann steige ich in den Zug und fahre weiter nach Wesenberg. Bin ich doch auf dem Weg zur Abenteuerschule.

In Großzerlang:

Am Samstag Nachmittag in Wesenberg ankommend, stelle ich zunächst fest, das ich tatsächlich mein Waschzeug in Frankfurt habe liegen lassen. Aber das macht nichts. Claus Marcus fährt mich schnell noch am Netto vorbei, wo ich das nötigste kaufen kann. Auf dem Zeltplatz angekommen, geht es dann auch los, Material ins Lager, Lebensmittel in die Küche räumen und sortieren. Ordnung schaffen und vor allen Dingen alles für einen zügigen Aufbau der Camps vorbereiten. Es tut gut, wieder in Großzerlang zu sein, tut gut, wieder mit Claus zusammen zu arbeiten. Nach und nach trudeln noch einige Leute ein und es wird munter weiter gearbeitet. Nach einem schönen Abend in noch sehr kleinem Kreise und einer ersten (und bereits zu kurzen) Nacht beginnen wir am Sonntag die großen Jurten in den einzelnen Camps aufzubauen. Die vertrauten Wege zu gehen, die altbekannten Handgriffe auszuführen, gibt ein Gefühl der Sicherheit. Schon bald stellt sich heraus, dass einige Gruppenleiter absagen mussten. Also übernehme ich doch die Gruppenleitung für eine Klasse, gemeinsam mit Doro, der Lebensretterin, und Luise, die ich leider erst ab Dienstag nicht mehr Lusia nennen werde. Schliesslich ist alles vorbereitet und wir versammeln uns in der Teamerjurte um einige letzte Absprachen zu treffen und einen gemütlichen Abend miteinander zu verbringen.
Am Montag ist bereits das Frühstück von gespannter Erwartung geprägt. Immerhin befinden sich die Schulklassen bereits auf dem Weg und werden innerhalb der nächsten Stunden eintreffen. Schnell werden letzte Absprachen getroffen, Material zusammengeklaubt, (“Mirco, kannst du uns ‘ne Feuerschale geben?”, “Wo ist eigentlich die Fotorallye?”, “Haben wir schon Feuerholz?”, “Leihst Du mir ne Kaffeekanne?”, “Wollen wir ne Plane holen und uns raussetzen?”) noch einmal die Raucherecke besucht um sich gegenseitig aufzumuntern, da sind auch schon die wichtigsten Personen der nächsten Tage, die Klassen und ihre Lehrer auf dem Platz. Der restliche Tag vergeht wie im Flug. Wir lernen die Schüler kennen, beruhigen die Lehrer, spielen, lachen, bauen die Schlafzelte auf. Wir erklären, lernen, ärgern uns und lachen wieder. Bereiten uns auf das erste Plenum vor, wo wir alle gemeinsam in “Wüstenoutfits” (hauptsächlich zu Kopfbedeckungen umfunktionierte Handtücher) auf der Wiese am See sitzen. Wir singen, schauen, staunen. Verbringen noch einige Zeit im Camp bis sich die Kinder bettfertig machen. Treffen uns mit allen Mitarbeitern in der Teamerjurte, reflektieren den Tag, plaudern, gähnen und gehen schlafen. Der nächste Tag wartet bereits. Seit langer Zeit werde ich das erste mal von Kindergeschrei und getobe geweckt. Stehe auf, gehe in die Jurte, mache Feuer, setze Wasser auf, gehe ins Bad. Mache Kaffee beobachte Frühstücksvorbereitungen. Auch die nächsten Tage vergehen schneller als ich schauen kann mit Spielen, Aufgaben, Essensvorbereitungen. Alltäglichen Arbeiten wie Holz hacken und Wasser holen, mit Baden gehen und Kanufahren, mit Abenteuerschul-Olympiade und Nudeln-vom-Boden-sammeln, mit nachts Zelte reparieren und eingenässte Schlafsäcke trocknen. Mit Gesprächen und an-alles-denken. Mit Plenarrunden am See voller  Kreativität und Spass (genau so geschrieben und mit kurzem a gesprochen) und der großartigen Band “Kohtenhotel”. Und natürlich mit kurzen Pausen in der Raucherecke, denen nicht selten die Ideen für die nächste Übung oder das nächste Plenum entspringen. So kommt schnell der letzte (übrigens fulminante) Abend der den einzigen (dafür umso deftigeren) Regenschauer mit sich bringt. Zelte werden hecktisch zugeknöpft, denen die zu spät dran sind Schlafsäcke und Decken gespendet, Feuer zum aufwärmen entfacht. Und auch dieser Abend verklingt mit guten Gesprächen und viel Spass (s. o.) aus.
In der Nacht im Schlafsack liegend komme ich auch nicht dazu, das Erlebte zu verarbeiten. Werde direkt vom Schlaf übermannt. Früh um vier klingelt der Wecker. Ich stehe gemeinsam mit Luise und Doro auf um direkt ein Feuer zu entfachen und aus vielen verschiedenen, teils würzigen, teils süßen, teils festen teils flüssigen Zutaten einen Tschai anzusezten. Während dieser langsam vor sich hin köchelt, wecken wir die Kinder und die beiden noch sehr verschlafenen Lehrer. Als sich die Jurte nach und nach mit unserer kleinen Gruppe füllt, eine kleine Gestalt nach der anderen sich auf die Bänke setzt und in den mitgebrachten Schlafsack kuschelt, begreife ich, dass die Abenteuerschule vorbei ist. Erkläre der Gruppe, was es mit dem Tschai auf sich hat und bitte sie, den besonderen Moment mit ihrem Schweigen zu würdigen. Teile gemeinsam mit Doro nach und nach das heisse, duftende Getränk aus. Trinke immernoch schweigend. Schmecke einige Zutaten deutlicher heraus als andere. Wir reflektieren in der Ruhe der Nacht die letzten Tage, die an meinem inneren Auge vorbei ziehen. Als kurze Sequenzen und Bilder von kleinen Situationen vor meinem geistigen Auge entstehen. Sehe kleine Ausschnitte der Tage, kleine Bilder von Diskussionen, Streiten, Versöhnungen, Enttäuschng und Begeisterung die sich zu dem Mosaik ineinander verschlunger Pfafde fügen die aufeinander treffen, nebenher laufen und wieder auseinander gehen.
Ich schaue mich um. Noch ist es Dunkel. Nicht mehr stockdunkel. Nicht ganz.

Die Abenteuerschule war mal wieder viel zu schön und zu ereignisreich um über jedes lustige, schöne oder spannende Detail zu berichten. Und werder die Stimmung am Donnerstag morgen in der Jurte, noch die Atmosphäre während der Plenarrunden (bei denen neun Schulklasen laut “Roter Wein im Becher” grölten) lässt sich in Worte fassen. Die kurzen Episoden in der Raucherecke würden genauso ein eigenes Kapitel füllen wie die Abende in der Teamerjurte oder die Olympiade. Auch die Anfahrt mit Harz -Zwischenstopp und die Rückfahrt bei der ich um 0:00 Uhr in Berlin bei meiner Mitfahrgelegenheit eingestiegen bin und gegen halb 7 morgens zurück in meiner Wohnung war, dann um 12 Uhr wieder im Laden stand und mich nur noch nach einem Bett gesehnt habe waren kleine Abenteuer für sich.   So blieb mir nichts, als einen kleinen Ausschnitt der Ereignisse widerzugeben und letzeten endes noch einmal allen, die dabei waren sehr herzlich für die schöne Zeit zu Danken.

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