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“Brauche ich sonst noch was?” Hatte Marc gefragt, als er mal wieder bei mir im Laden war. Schuhe, Rucksack, Jacke, Isomatte und tausend andere Kleinigkeiten hatte er sich nach und nach schon gekauft. “Steigeisen oder so?“
“Nee, Quatsch, so doll wirds schon nicht.” Sage ich. Wir haben ja nun wirklich keine große Bergbesteigung geplant. Genau genommen wird das ein entspannter Alpen-Spaziergang. Ein bisschen Wandern im Ötztal halt. Der Startpunkt steht fest. Rofen bei Vent. Da wohnt zufälligerweise die Cousine eines Arbeitskollegen, weswegen wir von da aus starten und hoch in die Berge gehen wollen.
“Ne Mütze oder sowas?” “Naja, so’n Tuch das Du als Halstuch und Mütze und alles Mögliche einsetzen kannst wär’ schon gut.”
Immerhin sind es nur noch zwei Tage bis es losgeht und die Wetterberichte verheißen gutes. Minimale Nacht-Temperatur soll in der Höhe, in der wir uns bewegen werden, also zwischen zweieinhalb und dreieinhalb tausend Metern bei 8°C liegen. Tags knapp unter 20°C. Sonne. Abends haben wir die Ausrüstung noch einmal gecheckt und gepackt. Den Kocher gestestet, Benzin nachgefüllt, was eben vor einer Tour so anfällt. Ausgelassen schauen wir uns die Gegend noch einmal bei Google an.
“Schau mal, hier ist die Hütte. Hier gehen wir dann den Weg lang und dann da weg vom Weg und querbergein.” “Cool. Guck mal, die Wildspitze wo wir rauf wollen ist ja der zweithöchste Berg Österreichs.” “Der zweithöchste? Dann müssen wir doch zum anderen.”
Wir Scherzen, lachen, freuen uns. Zwei Tage darauf waren wir dann losgefahren. Direkt nach meiner Schicht im Laden waren wir in den Miet-Geländewagen gestiegen.
Bei lauter Musik in die Nacht hineingefahren. Immer nach Süden. Kilometer für Kilometer Auf das Ötztal zu, bis wir es nachts um zwei Uhr erreicht hatten. Genau die zehn Minuten regenfreier Zeit abgepasst, um das Zelt aufzubauen.
Ein Bier hatten wir noch getrunken und waren dann schlafen gegangen. Waren früh wieder aufgestanden – bei leisem Regenplätschern auf dem Zeltdach - hatten gefrühstückt und gewartet. Wer will schon auf den ersten sechshundert Metern einer Alpentour völlig Nass werden? Also hatten wir abgewartet bis der Regen nachgelassen hatte.
Waren losgelaufen bei dichten Nebelschwaden die schwer über den Wiesen an den Berghängen hingen. Ich habe noch Marcs “Puh, das ist ja doch ganz schön anstrengen, so steil.” im Ohr. “Ja” Hatte ich erwiedert “Das gibt sich aber nachher, wenn du ersteinmal deinen Rhythmus gefunden hast. Dein eigenes Schrittempo, dann geht’s besser.“.
Waren die kleinen Pfade hinaufgestiegen, die sich in kurzen Serpentinen am rasch fließenden, fast stürzenden, Bach entlangschängelten. Das stete Rauschen im Ohr war eine gute Orientierung und Beruhigung da der feuchte Nebel nicht erlaubte, weiter als 20 Meter zu sehen. Nach einigen hundert Höhenmetern verließen wir den Pfad um geradeaus nach Norden zu gehen. Immer geradeaus den Berg hoch. Natürlich ist so etwas nicht einfach. Einen steilen Berghang mehr auf allen Vieren als laufend hinaufzukraxeln, wenn die Sicht eingeschränkt ist und Du auf dem Rücken ca. 19 Kilogramm Gepäck mit Dir herumträgst. Natürlich wird Dir da an manchen Stellen flau im Magen, aber es geht schon, wenn Du ein wenig Klettererfahrung hast.
“Links oder rechts jetzt?” War die Frage, die wir uns beide Stellten. Keine Karte dabei, schlechte Sicht, keine Wegbeshcilderung. Nur die Google-Maps im Gedächtnis standen wir oben, wieder auf einen Weg gekommen. Links war eine ganz gute Entscheidung, da war dann recht bald eine Hütte.Wärme und Trockenheit können so wohltuend sein. Neben einem Mittagessen haben wir uns ausserdem eine gute Karte der Gegend gegönnt.
“Schau mal. Hier können wir langgehen und dann den Klettersteig entlang bis hier unten, zum Rofenkarferner. Dann können wir da Raufgehen und dann da am Felsen das Zelt aufbauen.” “Hm ja, das klingt doch gut.” “Dann los.“.
So einfach hat das geklungen. Hier den Steig entlang und dann da auf den Gletscher. Der Weg war auch so einfach.Gut, sehr steil ist es runtergegangen. Keine zehn Zentimeter neben meinem Fuss. Und sehr weit. Aber das ist in den Bergen ja normal. Und jetzt, jetzt stehen wir hier am Gletscherfuß, schauen durch das gerade beginnende Schneegestöber hinauf und hören wenige hundert Meter neben uns die Art von Getöse und Gedonner, die entsteht, wenn mehrere Tonnen Eis und Schnee sich von ihrem Angestammten Platz an der Gletscherzunge lösen und munter ins Tal purzeln
Vollgeschneit, tief Beeindruckt vom Getöse, von der Schroffheit des Gletschers und den weit klaffenden Gletscherspalten, ziehen wir unsere Klettergurte wieder aus, verstauen das Seil und beginnen den Rückweg. Einen Gletscher bei Neuschnee ohne Steigeisen zu begehen, wenn man gerade Zeuge geworden ist, welche Gewalt hinter den Tonnen aus Eis und Schnee stecken erscheint uns beiden nicht besonders clever. Der Rückweg gestaltet sich noch ein wenig spannender als der Herweg, sind die schmalen Passagen die als “Steig” gekennzeichnet sind mittlerweile von einer schickt glitschig-matschigen Schnees überzogen. Im Steil abfallenden Gelände findet sich kein geeigneter Platz, das Zelt aufzuschlagen. Also gehen wir zurück bis zur Hütte. Zwischen den schroffen Felsen sehen wir auch im Umkreis der Hütte keine Chance zu Zelten. Wir nehmen ein Zimmer, legen unsere Schlafsäcke zum trocknen aus, hängen den Rest zum Trocken auf und suchen nach Möglichen alternativ -Wegen für den nächsten Tag. Nach Gesprächen mit Ortskundigen und Studium der Karte fällt die Entscheidung auf den “üblichen” Weg über den Mitterkarferner. Während Wir also am nächsten Morgen unsere Sachen packen und Frühstücken, sehen wir schon andere Gruppen losmarschieren. Mit Bergführern, Steigeisen, Wanderstöcken, dicker Winterkleidung und Klettergurten gehen insgesamt drei Gruppen vor uns los die Wildspitze zu Besteigen. Ihr Gepck bleibt auf der Hütte zurück, wo sie Am Abend ihre Heldentaten feiern eollen. Nett und freundlich sind sie trotzdem.
Kurze Zeit nach der letzten Gruppe brechen auch wir auf. Mit unseren Lederschuhen, die Jacken im Rucksack, wo auch die Schlafsäcke, Isomatten, Klettermaterial, der Kocher und unsere Verpflegung sind. Wir gehen im strahlenden Sonnenschein über den Schnee, bis weit unterhalb der Hütte liegt. Kommen an einem kleinen See vorbei und sind schließlich auf dem eigentlichen Gletscher, der langsam Steiler wird. Schon von weitem Sehen wir Das Mitterkarjoch, einen kleinenDurchlass zwischen mächtigen Felswänden. Dort hinauf müssen wir. Schritt für Schritt gehen wir weiter bis zum Fuß der Felswände. Nach einer kurzen Rast beginnen wir die Steilste Passage. in dichten Serpentinen durch tiefen Schnee geht es steil hoch. Die deutlichen Spuren der geführten Gruppen helfen uns nicht bis zu den Knien im Schnee zu versinken. Dann kommen am Klettersteig unterhalb des Jochs die Klettergurte zum Einsatz. Ich sicher mich mit einer Bandschlinge an den dicken Drahttrossen. Vor genau dieser Situation warne ich sonst meine Kunden immer. Eine Bandschlinge ist in dieser Situation nicht viel mehr als eine rein Psychische sicherung. Sollte einer von uns in einem steilen Stück stürzen und mehr als zwei Meter Fallen bevor die Sicherung greift, können wir nur auf Rettungshubschrauber hoffen. Mit diesem Wissen im Hinterkopf steigen wir weiter und weiter hinauf, die Finger fest ums Drahtseil gekrallt. Jeden Schritt wägen wir mit Bedacht ab. Ja nicht Stürzen. Dann nach einer kleinen Ewigkeit, wie es uns scheint, ist der Steig zuende. Die letzten 100 Meter gehen wir als Seilschaft zwischen uns knapp 20 Meter Seil, auf allen Vieren den festen Schnee hinauf. Unter uns Eine steile Schneerutsche, von Felsbrocken durchsetzt, die mehrere Hundert meter weiter unten in einem Meer aus spitzem Gestein endet. Langsam, klettern wir weiter. Erleichtert lasse ich mich gegen die Felsen sinken, als ich oben im Joch ankomme. Schaue zu wie Marc auch die letzten Meter hochkriecht. Oben wird es kurz eng, als die Erste Gruppe glücklicher Touristen bereits wieder zurück zur Hütte geht. Ein paar Informationen werden ausgetauscht. Schlechte Nachrichten für Marc und mich: Wenn wir wirklich bis auf den Gipfel wollen, wären wir frühestens Abends um neun wieder an dem kleinen See, an dem wir diese Nacht Zelten wollen. Also beschließen wir, den Gipfel ein andermal zu besteigen. Gehen stattdessen mitten Auf den unberührten Gletscher, breiten eine Isomatte aus und kochen Mittagessen. Unter uns, am Rand des Gletschers sehen Wir die Wolkendecke langsam näher kommen, dann innehalten und wieder verschwinden. Bis auf das leise fauchen des Kochers herrst grenzenlose Stille. Kein noch so kleines Geräusch dringt hierher. Zumindest keines, das man nicht selber mitbringt. Und mir Kommt das Gedicht aus einem Slackline Video in den Sinn:
In this high place,
it is as simple as this:
Leave everything you know behind
Step toward the cold surface
Say the old prayer of rough love
And open both arms.
Those who come with empty hands
Will stare into the lake astonished
There in the cold light,
reflecting pure snow,
The true shape of your own face.David Whyte – Tillicho Lake
Nach einer guten Stunde Pause beginnen wir den Abstieg. Langsam die steile Strecke zurück am Klettersteig entlang nach unten. Mitten auf dem Mitterkarferner, auf ungefähr 3200 Metern höhe stellén wir fest, dass noch ein wenig Zeit bleibt. Also Bauen wir kurz entschlosen eine Slackline auf. Mit meinem Kletterseil fixieren wir sie zwischen zwei großen Felsblöcken. Der Gletscher auf der einen und die endlose Alpenlandschaft auf der andren Seite bilden eine herrliche Kulisse zu diesem einzigartigen Erlebnis.


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Aber es wird langsam unangenehm kalt. Wir gehen die restlichen gut 200 Höhenmeter bis zu dem kleinen See runter, bauen das Zelt auf und richten uns ein. Hier ist es nicht ganz so still wie oben. Das leise Plätschern eines kleinen Bächleins bietet eine konstanten Hintergrundton, der den Geist einlädt, einfach umherzutreifen. Erst jetzt bemerken wir, dass die Stunde in der höhensonne unsere Gesichter völlig verbrannt hat. Wir dösen, quatschen, kochen essen, schlafen ein wenig, waschen das Geschirr und uns im eiskalten Gletschersee. Die Millionen und Abermillionen Sterne beleuchten die Weiss glitzernden Gipfel um uns herum. Der Mond ist eine winzig schmale Sichel (wir wissen beide nicht, dass heute nacht die Partielle Mondfinsternis ist) deren fahles Licht die Atemwolken vor unseren Mündern bescheint. Es ist kälter als wir angenommen hatten. Später in der Nacht wachen wir jede Stunde auf vor Kälte, die die leichten Sommerschlafsäcke (obwohl bis -4°C getestet) nicht mehr abhalten können. Verfroren bereiten wir uns – noch in den Schlafsäcken liegend – das Frühstück zu. Kochen einen heissen Kaffee und lassen den Kocher noch ein wenig länger heizen. Packen alles zusammen und gehen bei mildem Wind und stahlendem Sonnenschein über die grünen Wiesen hinunter ins Tal. Auf dem Weg sehen wir noch einmal die einzelnen Abschnitte der Tage vorher. Sehen deutlich die abgebrochene Gletscherzunge, die zerklüftete Felslandschaft durch die wir am ersten Tag geklettert sind, die Hütte, das Joch. Kommen erschöpft, aber auch erfrischt in Rofen an. Schmeissen alles ins Auto und fahren los.
Ein langes Wochenende voller Erlebnisse und tiefgreifender Eindrücke. Voller Schönheit, Wildheit und Gefahr. Ein Wochenende das erstaunlicherweise nicht auslaugt, sondern Kraft spendet. Ich muss öfter raus. Weitere Bilder folgen bald
P.S.: Liza: Bergsteigen ist kein bisschen gefährlich, ehrlich!